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Meergeburt in Thailand
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Meine Meergeburt



Meine Hände spüren den feinen, rauen Sand, das kühle Wasser hüllt mich ein und mit der Wange lehne ich kurz an dem großen Felsen, der direkt vor mir in der kleinen Bucht aus dem Meer ragt. Während die nächste Geburtswelle anrollt, schweift mein Blick ab auf den Strand, auf die großen Palmen, die leicht zu schwanken scheinen und den blauen Himmel. Die Situation ist surreal und für einen Moment fühle ich mich gut neun Monate zurückversetzt, an einen warmen Sommertag im Juni, den ich mit einer Freundin im Freibad verbracht hatte.


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Ich bin 29 Jahre alt, habe zwei Kinder und erlaube mir momentan keinen bewussten Kinderwunsch. Ich habe gerade eine sehr emotionale Zeit hinter mir und stecke mitten in den Vorbereitungen für einen Online-Kongress. Das frisch renovierte Haus ist zumindest formal verkauft, der Notartermin ist endlich über die Bühne gegangen. Überall stehen Umzugs-Kartons und täglich kommen die verschiedensten Leute um alle Kisten abzuholen, die ich über Ebay-Kleinanzeigen zum Verschenken eingestellt habe. Mein Sohn und meine Tochter, zu dem Zeitpunkt 4 und 2 Jahre alt, werden immer wieder von meiner jüngeren Schwester betreut, damit ich Interviews für das Event führen kann. Mein schlechtes Gewissen könnte nicht größer sein, da ich seit Wochen das Gefühl habe, mich den Kindern nicht ausreichend zuwenden zu können.


Doch dann werde ich im größten Chaos unerwartet und sprichwörtlich aus heiterem Himmel schwanger. Vielleicht deshalb, weil ich, seit ich selbst zwei kleine Geschwister hatte, mir immer drei Kinder gewünscht habe und dieser unbewunsste Wunsch sich zu meinem Glück nun einfach verselbstständigt hat.


Wenige Tage darauf liege ich mit einer Freundin im Freibad. Unsere insgesamt vier Kinder spielen ausnahmsweise zufrieden neben uns und während ich ihren schon großen Babybauch mit dem dritten Kind betrachte, habe ich zum ersten Mal den Gedanken an eine Wassergeburt.


Weder bei meiner ersten, noch bei meiner zweiten Schwangerschaft und Geburt hatte ich das Bedürfnis ins Wasser zu steigen. Die große Gebärwanne bei der Geburt meines Sohnes war voll und angenehm warm, aber ich fühlte mich unwohl und war schnell wieder draußen. Bei meiner Tochter wollte ich nicht mal ein Entspannungsbad.

Aber in dieser dritten Schwangerschaft ist es anders. Denke ich an die Geburt, denke ich an Wasser.

Die nächsten Wochen durchlebe ich in einem Nebel aus völlig ungewohnter Übelkeit und Erschöpfung und wiederum einige verrückte Wochen später steht ein gebrauchtes Wohnmobil vor der Tür. Nahezu alles ist nun verkauft, der Rest eingelagert und ich packe unsere letzten Taschen, um in ein neues Leben auf Weltreise aufzubrechen.

Nach den emotionalen Höhen und Tiefen der letzten Monate, fühlen sich meine Schwangerschaftshormone nun geradezu angenehm an. Ich lasse mich fallen und erlebe eine wunderbare entspannte Zeit, in der ich mich voll und ganz auf die Kinder einlassen kann.


Der Herbst auf Sardinien bringt mich wieder vollkommen ins Gleichgewicht und im November fliegen wir ziemlich spontan als Backpacker nach Thailand. Auf dem Weg zum Flughafen lege ich noch einen kurzen Zwischenstopp bei meinem Frauenarzt ein, denn ich habe mich entschieden, die Feindiagnostik in der 23. Woche machen zu lassen. Sollte mein Baby, wider meinem Gefühl krank sein und spezielle Hilfe bei der Geburt brauchen, würde ich entsprechend umdisponieren.

Aber es gibt keine Auffälligkeiten und so steht der Reise nichts im Weg. 


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Ich habe meinen Mutterpass dabei, doch bis auf die ersten drei Vorsorgen in Deutschland bleibt er leer. Die warme Sonne, die Entspannung, die ausgedehnte Zeit mit den Kindern, der Zusammenhalt der vielen Familien in unserem Resort und der Abstand zu den Ängsten, die mir in Deutschland von allen Seiten auferlegt wurden, lassen mich in tiefen Kontakt zu meinem Baby treten. Ohne ärztliche Eckpfeiler-Termine der Schwangerschaft kann ich mich intensiver in meinen Körper einfühlen und meine Intuition stärken. Dank meines veränderten Lebens- und Arbeitsrhythmus’ habe ich außerdem die Möglichkeit, mich auch tagsüber etwas auszuruhen.


Um dennoch auf mögliche Komplikationen vorbereitet zu sein, besuche ich eine Klinik auf der schönen Insel Koh Phangan, von der ich gar nicht mehr weg möchte, um im Notfall einen Ansprechpartner zu haben, der mich bereits kennt. Aber ich fühle mich stark und gesund, mein Baby wächst, bewegt sich und reagiert, wenn ich Kontakt zu ihm aufnehmen möchte.


In der 37. Woche habe ich dann unerwartet für einige Tage keine Lust mehr auf Schwangerschaft. Es ist heißer als sonst und ich bekomme ordentlich Wasser in die Beine. Um mich abzulenken, mache ich einen kleinen Ausflug in das erste Resort, in dem wir auf Koh Phangan waren. Während die Kinder überglücklich in dem ungewöhnlich sauberen Pool plantschen, laufe ich an dem kurzen Strand entlang, umrunde den angrenzenden, großen Felsen und stehe plötzlich in einer kleinen Bucht.


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Eine Meergeburt war mein unausgesprochener, heimlichster Traum und in diesem Moment wird er greifbar. Wenn im Ozean, dann hier, zwischen den großen Felsen, wellengeschützt durch den 200m entfernten Steinwall und vom Hauptstrand getrennt durch einen nicht ganz so schmalen Fluss.


Während der nächsten Wochen mache ich mir immer wieder Sorgen, dass mein Baby zu einer Zeit kommen könnte, in der eine Meergeburt nicht klappen würde. Zum Beispiel nachts, wenn es von Krebsen nur so wimmelt und es sowieso viel zu dunkel ist, oder dann, wenn Leute am Strand sind und ich nicht ungestört sein könnte, oder dann, wenn meine Freundin nicht mehr da wäre, die uns hier besucht. Bis ich irgendwann den Gedanken habe, dass dieses Kind ja offensichtlich im Wasser geboren werden will und es sich dann auch den richtigen Zeitraum aussuchen wird. Mit dieser Erkenntnis kann ich mich endlich entspannen und überstehe auch den verstreichenden Geburtstermin, ohne weiter beunruhigt zu sein.


Am dritten Tag nach ET spüre ich morgens die erste kräftige Welle. Ich beginne mich mental darauf einzustellen und rechne mit einer schnellen Geburt von etwa 2,5 Stunden, wie beim letzten Mal. Aber unser Kind hat andere Pläne. Die Geburtswellen sind zwar kräftig, aber kurz und kommen nur etwa alle 25 Minuten. Ich verbringe den Tag immer wieder im Meer oder im Pool und möchte nachmittags lieber in das andere Resort wechseln, um nahe an der Bucht zu sein. Als sich der Abend nähert, bin ich etwas enttäuscht - mit einer Meergeburt wird es wohl nichts.


Für die Nacht baue ich mir ein kleines Lager auf dem Bett. Eine dicke Decke als Unterlage und darauf der große Gymnastikball, auf dem ich mit aufgestützten Armen immer wieder die Wellen veratme. Obwohl ich den ganzen Tag Kontraktionen hatte, bin ich relativ fit. Die langen Pausen sorgen für die entsprechende Erholung und in der Nacht schlafe immer wieder ein. An der Wellen-Frequenz ändert sich nichts und der Muttermund öffnet sich zwar nur langsam, aber stetig.


Kurz vor Sonnenaufgang habe ich dann ein totales, emotionales Tief. Ich sitze weinend im Bad, wo ich den Muttermund gerade erst bei nur etwa 4-5 cm getastet habe und weiß nicht, wie ich noch länger durchhalten soll.

Aber dann erinnere ich mich an meine Schwangerschafts-Playlist, setze Kopfhörer auf und versetze mich in die unzählige Male durchlebten Glücksgefühle der Vorfreude auf mein Baby, wann immer ich die vertrauten Lieder in den letzten Monaten angehört hatte. Ich beruhige und entspanne mich, fasse neue Zuversicht  und schaue nochmal meine Tasche durch. Mehrere Handtücher, eine wasserdichte Unterlage und eine Tüte für die Plazenta liegen darin. Da Komplikationen unter der Geburt sich in der Regel anbahnen und ich keinerlei Auffälligkeiten bemerke, sondern die Bewegungen meines Babys zuverlässig spüre, habe ich nicht das Bedürfnis, in die Klinik zu fahren.


Gegen elf Uhr vormittags gebe ich meiner Freundin Bescheid. Der Muttermund ist nun 6 cm offen und obwohl ich weiterhin nur etwa 10 Wellen in der Stunde habe, merke ich doch einen zunehmenden Druck und brauche deutlich mehr Konzentration, um mein "Geburtsbild" zu visualisieren.


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Dass ich mich in dieser Schwangerschaft viel mit schmerzfreier Geburt, Tiefenentspannung, Affirmationen ("Meine Wellen können nicht stärker sein als ich, denn sie kommen von mir.") und Visualisierungen beschäftigt habe, hilft mir sehr. Wenn ich eine neue Welle kommen spüre, stelle ich mir meine Gebärmutter vor, deren Längsmuskulatur von hellen Bändern nach oben gezogen wird, um den Muttermund sanft zu öffnen. Die Urgewalt meines Körpers raubt mir manchmal fast den Atem und ich habe eine Ahnung davon, wie sehr die Wellen schmerzen könnten, wäre ich nicht so entspannt.


Im glasklaren Poolwasser fühle ich mich am wohlsten und während die Kinder mit ihren kleinen Autos spielen und meine Freundin mit ihren beiden Kindern (5 und 3 Jahre alt) eintrifft, ziehe ich meine Bahnen. Für die Geburtswellen schwimme ich an den Poolrand mit Blick aufs Meer und atme mich bewusst durch die kurzen, heftigen Kontraktionen. Niemand außer uns ist da und das Resort mit den vielen Bungalows liegt ruhig hinter mir.


Plötzlich habe ich eine so starke Welle, dass ich mein Geburtsbild, das mich zuverlässig durch die ganze Eröffnungsphase begleitet hat, nicht mehr greifen kann. Ich werde sprichwörtlich überrollt und habe sofort heftige Schmerzen. 

Ich gebe meiner Freundin ein Zeichen und wir machen uns auf den Weg ans Meer. Während der wenigen Meter habe ich mehrere Wellen hintereinander, merke, wie ich mich zunehmend verkrampfe und bin froh, als ich das kühle Meerwasser erreiche. Heute ist es bewölkt, was ungewöhnlich und gut für mich ist. Es ist halb eins und normalerweise ist es um die Mittagszeit kaum auszuhalten.


Ich trete in Kontakt zu meinem Kind, das sich wie immer sofort mit einem kleinen Fußtritt meldet. Jetzt kommen die Wellen alle 5 Minuten und ich schwanke zwischen Begeisterungs- und Verzweiflungsgefühlen. Meine Visualisierung habe ich vergessen und hypnotisiere statt dessen die hinter dem Steinwall vorbei fahrenden Fischerboote. 


Ich bin völlig eingenommen vom Geburtsgeschehen und kann meinen ursprünglich ausgesuchten Platz inmitten von einigen kleineren Felsen nicht beibehalten, da die Schwerkraft natürlich nicht wie an Land wirkt und ich keinen stabilen Halt finde. Also rutsche ich ein Stück nach vorne, um mich an einem Felsen festhalten zu können. Mein Versuch, eine Welle auf einem Felsen statt im Wasser besser verarbeiten zu können, scheitert kläglich. An Land kann ich die Kontraktion absolut nicht aushalten und bin schnell wieder im Wasser.


Mein fünfjähriger Sohn und sein Freund suchen sich einen Felsen in meiner Nähe aus und beobachten uns sehr interessiert aus sicherer Entfernung. Meiner Tochter ist die Situation zu spannend und sie bleibt lieber mit ihrer besten Freundin und meiner Freundin, die eine enge Bezugsperson von ihr ist, am Strand.


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Dass meine Freundin da ist, gibt mir ein wunderbares Gefühl von Geborgenheit. Sie glaubt an mich und zweifelt keine Sekunde daran, dass ich die Geburt meistern werde. Es ist niemand da, der mich in irgendeiner Form beeinflusst, mir Angst macht oder die innere Interaktion mit meinem Baby stört. Ich habe keinen Dauer-Herztonschreiber am Bauch, der mein Kind und alle Anwesenden ablenkt und mein Gefühl sagt mir sehr zuverlässig, dass ich mitten in der Endphase der Geburt stecke.


Mit der nächsten Welle kommt der Pressdrang, den ich trotz aller Entspannungversuche nicht bremsen kann. Der Druck ist so gewaltig, dass ich nicht anders kann, als laut zu schreien. Ich versuche mitzuschieben, was aber nicht funktioniert. Ich habe das eigenartige Gefühl, dass ich zwar schiebe aber nichts ankommt. Die Welle an sich ist so stark, dass meine physische Kraft wohl nicht gebraucht wird.
Und wie bei den beiden anderen Geburten finde ich es auch in diesem Moment einfach verrückt, wie normal ich mich trotzdem in den Pausen fühle - als ob ich gerade nichts anderes machen würde, als im Meer zu baden.


Während der nächsten Kontraktion fühle ich mich allerdings etwas panisch und erinnere mich an mein Hebammenwissen zur Übergangsphase, das diesen Moment als möglichen Schlüsselpunkt für die baldige Geburt des Köpfchens beschreibt. Bewusst wie noch nie spüre ich den Kopf meines Kindes tiefer treten und habe immer eine Hand zwischen den Beinen. Mit der anderen klammere ich mich am Felsen fest und grabe meine Füße in den rauen Sand.


Jetzt platzt die Fruchtblase und ich spüre deutlich viele Haare. Das kleine Fruchtwasser-Polster vor dem Köpfchen ist verschwunden und der Druck maximal. Die nächste Welle bringt den Kopf um die Kurve und nun rutscht er in der Pause auch nicht mehr zurück. Ich weiß, dass mein Baby mit der nächsten Welle geboren werden wird und habe den wenig tröstlichen Gedanken, dass es ganz einfach nur ich bin, die diese Geburt nun meistern kann. 

Diesen Zeitpunkt der maximalen Dehnung kann mir kein Mensch auf der Welt abnehmen. Eine PDA könnte zwar den möglichen Dehnungsschmerz wegnehmen, aber leider auch oft den Kontakt zum Baby. Und aus meiner Berufserfahrung weiß ich, dass Interventionen und Manipulationen am kindlichen Köpfchen oder am Muttermund nicht selten zu traumatischen Erfahrungen für Mutter und Kind führen können.


 Also warte ich auf die kommenden Sekunden und bündle meine Kräfte.


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Die Welle rollt an und ich verarbeite den immensen Druck wieder durch unwillkürliches Schreien mit offenem Mund. Meine Versuche diese Urgewalt anders zu kanalisieren funktionieren nicht, was aber nicht schlimm ist. Niemand sagt mir, dass ich leiser sein soll.


Der Kopf meines Babys tritt durch und füllt plötzlich meine Hand aus. Mein Sohn ist von seinem Felsen geklettert und steht auf einmal neben mir im Wasser. Ich höre ihn sagen "Schau mal Mama, da ist der Kopf!".

Ein unvergleichliches Glücksgefühl durchflutet mich und aufgewühlt warte ich auf den Knien sitzend ab, dass sich das Köpfchen von alleine dreht und die Schultern geboren werden können. Mein Baby scheint den Kopf versuchsweise mehrmals in beide Richtungen zu drehen und ich nehme die Hände weg, um es nicht zu stören.


Als es so weit ist, kommt die letzte Welle dieser Geburt und im nächsten Moment ist mein kleines Mädchen geboren. 

Meine Meerjungfrau öffnet unter Wasser die Augen und sieht uns direkt an. Ein Erlebnis, das mich zutiefst bewegt. Ich umfasse sie mit beiden Händen am Bauch, halte sie vorsichtig fest und hebe sie aus dem Meer - mein Kind, durch mich in meine Hände geboren.


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Niemals werde ich diesen Moment und dieses Gefühl vergessen. Alle kommen zu uns ins Wasser und staunend bewundern wir dieses kleine Baby. Sie sieht uns mit großen Augen an und ist ganz ruhig.


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Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich kein Blut verloren. Jetzt kommt ein kleiner Schwall und weil ich das Gefühl habe, dass das Meer trotz Tropensonne etwas zu kalt für meine zweite Tochter ist, gehe ich mit ihr, immer noch durch die Nabelschnur verbunden, an Land.


Dort setze ich mich auf ein großes weiches Handtuch und lege sie zum ersten Mal an die Brust. Als ob sie noch nie etwas anderes getan hätte beginnt sie zu saugen, wird schnell am ganzen Körper rosig und etwa 20 Minuten später löst sich auch die Plazenta. Ich gebäre sie auf meinem Strandtuch, das ich vor vielen Jahren auf Sardinien zum Geburtstag bekommen hatte. Wenig geronnenes Blut kommt mit und wird durch die wasserdichte Unterlage aufgefangen. Ich bin im Hormonrausch und fühle mich hellwach und energetisch.


Eine halbe Stunde bleiben wir noch am Strand, dann ziehe ich mich an und lege die Plazenta in die vorbereitete Tüte. Ich habe mich entschieden, die Nabelschnur vorerst nicht durchzuschneiden, um den natürlichen Blutfluss direkt nach der Geburt nicht zu unterbrechen, keine Infektion bei den warmen Temperaturen zu riskieren und um die besondere Verbindung meines Kindes zu diesem beeindruckenden Organ noch etwas aufrecht zu erhalten. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in unseren Bungalow und ich trete das schönste Wochenbett an, das ich mir hätte vorstellen können. Umgeben von meinen drei Kindern, lieben Freunden und unzähligen, schattenspendenden Palmen.


Es bleibt genug Raum und Zeit, um mit den großen Geschwistern die Geburt zu besprechen, dauerzustillen und die getrocknete Nabelschnur gut 24 Stunden später als schönes Erlebnis für uns alle gemeinsam durchzuschneiden. Mein Sohn und meine große Tochter können ihre kleine Schwester von der ersten Sekunde an kennen lernen, wissen genau, wie sie zu uns gekommen ist und verbringen viel Zeit mit mir im Bett.

Meine Meerjungfrau schläft die meiste Zeit auf meinem Bauch, im Tragetuch oder in der Rucksacktrage. Ich halte sie immer wieder über einem Töpfchen ab und stille sie Tag und Nacht nach Bedarf.


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Fast sechs Jahre sind seither vergangen. Ich erinnere mich, dass ich zu dieser Zeit kein einziges Mal nachts mit meinem Baby aufstehen musste. Ich stillte sie im Familienbett und hielt sie dort auch übers Töpfchen. Nächtliche Schreiattacken, wie ich sie von ihren Geschwistern kannte, hatte sie nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es einfach nichts gab, was sie beweinen musste; keine häufigen Ultraschalluntersuchungen, fremden Hände, zu frühe Abnabelung, Trennung von mir oder Blutabnahmen - sie schien voller Urvertrauen, dass ihr nichts passieren und all ihre Bedürfnisse gesehen und erfüllt würden.


Wenn ich an meine Geburten denke, empfinde ich die Eröffnungsphasen aller meiner Kinder als passend zu ihrem Charakter. Kinder sind einfach keine passiven Körper unter der Geburt und stehen in enger Interaktion mit den Gefühlen der Mutter. Eine erfahrene Hebamme hat mir einmal gesagt, dass Kinder so sind, wie sie geboren werden - bei mir trifft es auf alle vier Geburten, die ich mittlerweile erlebt habe, zu.


Wie meine zweite Tochter schließlich in mein Leben getreten ist, wird für immer eine meiner kostbarsten Erinnerungen bleiben. Ich habe es so empfunden, dass sich mein ganzer langer Weg und die vielen inneren und äußeren Veränderungen, die ich in den vorangegangenen Jahren durchlaufen hatte, bei ihrer Geburt zentriert haben. Alle Erlebnisse haben mich schlussendlich genau dorthin, an diesen Strand geführt.

Wenn es wahres Glück gibt, habe ich es an diesem Tag gespürt.



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Ich hatte lange überlegt, ob ich meine dritte Geburtserfahrung überhaupt teilen will, da eine Haus- bzw. Alleingeburt natürlich ein stark polarisierendes Thema ist und ich meine Familie schützen wollte. Schlussendlich entschied ich mich aber dafür, als sie knapp ein Jahr alt war, weil meine dritte Mutterschaft bis dahin ein Spiegel ihrer ungestörten Geburt war und ich mir erhoffte, dass meine Geschichte Frauen zeigt, dass wir auch heute noch in der Lage sind genauso natürlich zu gebären, wie unsere Vorfahrinnen. 


Hebammenhilfe in der Schwangerschaft, zur Geburt und in der Stillzeit ist absolut wertvoll, Halt gebend und sehr wichtig. Dass ich, obwohl ich selbst Hebamme bin, mein Kind ohne Hilfe bekommen habe, ist mein ganz eigener Weg, den ich aufgrund meiner langen Vorgeschichte, der verlässlichen Verbindung zu meinem Baby und dem Fehlen jedweder Auffälligkeiten gegangen bin.

Angst, dass es meinem Baby unter der Geburt nicht gut gehen könnte, hatte ich aufgrund der immer deutlich spürbaren Kindsbewegungen nicht. Meine Schmerzen trotz intensiver Beschäftigung mit schmerzfreier Geburt zum Ende der Austreibungsphase sehe ich nicht negativ. Sie waren nicht traumatisch, sondern zielführend und haben mich dazu angeleitet, immer wieder die Position zu wechseln und mein Becken zu bewegen. Ich bin innerlich völlig transformiert aus dieser Erfahrung herausgegangen. 


Gebären ist ein zutiefst natürlicher, evolutionärer und auch sehr störanfälliger Prozess. Angstfrei und von lieben Menschen umgeben mein Kind zu empfangen, war und ist das schönste Geschenk, dass ich mir für meine Tochter und ihre Geschwister hätte wünschen können.


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Auch wenn es paradox klingt, die größte Erkenntnis, die ich während meiner Meergeburt hatte war, dass wir Mütter mit unseren Körpern der wahre Geburtsort unserer Kinder sind. 

 

Es ist nicht entscheidend, wo wir unsere Babys auf die Welt bringen. Es ist entscheidend, dass wir uns selbst spüren, verstehen, dass unser Körper immer mit uns, und niemals gegen uns arbeitet, dass das Baby physisch und emotional aktiv am Geburtsprozess beteiligt ist und dass das Wahrnehmen dieser innigsten Bindung zum Kind in unserem Bauch unvergleichlich wichtig und wertvoll für den natürlichen Verlauf ist.

 

Grundsätzlich rate ich keiner Frau zu einem bestimmten Geburtsort, weil sie wie jede Frau das Recht hat frei zu wählen und es eine sehr persönliche Entscheidung ist. Ich habe mich für mittlerweile zwei Alleingeburten entschieden, weil ich meinen Körper durch die Geburten meiner ersten beiden Kinder ganz neu kennengelernt hatte und stark in meinem Bauchgefühl und in der Verbindung zu meinem Kindern war. 

Für gesunde Frauen mit gesunden Kindern und einer unauffälligen Schwangerschaft gibt es bei Hausgeburten keine höhere Mortalitätsrate als bei Klinikgeburten.

 

Am wichtigsten finde ich es nach wie vor, Körpergefühl, Selbstbestimmtheit der Frauen und ihre Verbindung zu den Kindern unter Geburt zu stärken, ihre Eigenständigkeit zu geburtshilflichen Entscheidungen und einen natürlichen, ungestörten Geburtsverlauf zu fördern und somit traumatische Geburtserlebnisse zu vermeiden. 


Unsere Kinder brauchen uns, auch und vor allem unter der Geburt und wir als Mütter können und dürfen mitentscheiden, wie unsere Babys geboren werden.






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